Innenminister Poseck steht auf einer Bühne an einem Rednerpult und spricht.

Hessisches Ministerium des Innern, für Sicherheit und Heimatschutz

Innenminister Poseck ruft zu „hybridem Denken“ auf

Spionage, Sabotage, Cyberangriffe und Desinformation treffen zunehmend auch Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Behörden in Hessen. Beim ersten Wirtschaftsschutztag des Landesamts für Verfassungsschutz (LfV) Hessen hat Innenminister Roman Poseck im Innenministerium in Wiesbaden vor der wachsenden Gefahr hybrider Angriffe gewarnt und zu gemeinsamen Anstrengungen gegen zunehmende hybride Bedrohungen aufgerufen. Der Minister hielt den Impulsvortrag beim ersten Wirtschaftsschutztag des Landesamtes für Verfassungsschutz (LfV) Hessen, der am Mittwoch, 28. Oktober, im Hessischen Ministerium des Innern, für Sicherheit und Heimatschutz stattfand. Rund 130 Vertreterinnen und Vertreter von Unternehmen, Institutionen und Verbänden unter anderem aus den Bereichen Kritische Infrastruktur, Rüstung, Finanz- und Bankenwesen waren zu der Veranstaltung gekommen. Thema des Wirtschaftsschutztages war „Hybride Angriffe - Spionage, Sabotage, Cybersicherheit“.

Innenminister Roman Poseck betonte auf dem Wirtschaftsschutztag: „Die Grenzen zwischen innerer und äußerer Sicherheit verschwimmen zunehmend. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt spricht zu Recht von einem Schattenkrieg. Dieser hat nicht das primäre Ziel, uns militärisch zu besiegen. Er soll uns vielmehr politisch und gesellschaftlich bezwingen. Ausländische Nachrichtendienste und mit ihnen verbundene Gruppen greifen mit Spionage, Sabotage, Cyberangriffen und Desinformation unsere Gesellschaft, unsere freiheitliche demokratische Grundordnung und unsere Wirtschaft an. Sie wollen unseren Staat destabilisieren und verschleiern dabei gezielt ihre Urheberschaft. Neben Russland sind auch China und der Iran wichtige Akteure.

LfV Hessen hat seine Organisation neu aufgestellt

Hessen steht dabei besonders im Fokus. Mit dem Finanzplatz Frankfurt, einem der weltweit bedeutendsten Internetknoten, dem größten deutschen Verkehrsflughafen, international führenden Unternehmen, renommierten Hochschulen und Forschungseinrichtungen, militärischen Liegenschaften und Standorten der Rüstungsindustrie ist unser Land ein attraktives Ziel. Die Fachleute des LfV Hessen stellen fest, dass Spionageverdachtsfälle zunehmen und schwerwiegender werden. Der gescheiterte Sprengstoffanschlag mit einer Drohne am Flughafen Leipzig/Halle, für den offensichtlich Russland Verantwortung trägt, hat gezeigt, dass russische Geheimdienste keinerlei Hemmungen haben, unser Land zu destabilisieren.

Wir haben auf diese Lage reagiert. Das LfV Hessen hat seine Organisation neu aufgestellt. Eine Abteilung für Spionage, hybride Bedrohungen, Einflussnahme und transnationale Repression, eine Abteilung für operative Aufklärung und die Kompetenzstelle Wirtschafts-, Wissenschafts- und Behördenschutz sorgen für mehr Schlagkraft. Ein starker Verfassungsschutz und ein starker Rechtsstaat sind keine Gegensätze. Sie bedingen einander. Zudem stärken wir mit dem neuen Hessischen Sicherheitsüberprüfungs- und Verschlusssachengesetz den Geheimschutz. Sensible Informationen dürfen nicht in die falschen Hände gelangen.

Hybride Bedrohungen

Unsere Nachrichtendienste dürfen im digitalen Zeitalter nicht mit analogen Werkzeugen arbeiten müssen. Hessen hat sein Verfassungsschutzrecht deshalb bereits Ende 2025 modernisiert. Unter hohen rechtlichen Voraussetzungen, mit richterlicher Anordnung und als letztes Mittel kann das LfV Hessen nun auch eine Online-Durchsuchung durchführen. Wir brauchen keine Nachrichtendienste mit möglichst vielen Befugnissen, sondern mit den richtigen Befugnissen, klar geregelt, wirksam und rechtsstaatlich kontrolliert. Deshalb begrüße ich, dass auch der Bund das Recht der Nachrichtendienste grundlegend modernisiert.

Hybride Bedrohungen lassen sich nur gemeinsam abwehren. Deshalb ist der Wirtschaftsschutztag so wichtig. Unternehmen sind von hybriden Angriffen zunehmend betroffen. Nach einer Befragung des Instituts der deutschen Wirtschaft hat fast jedes fünfte Unternehmen zuletzt starke oder sehr starke Auswirkungen hybrider Bedrohungen aus dem Ausland erlebt, bei großen Unternehmen sind es sogar fast vier von zehn. Ich ermutige alle Unternehmen, die Beratung des LfV Hessen zu nutzen und sich frühzeitig zu melden, wenn ihnen etwas verdächtig vorkommt.

Cyberangriffe und Sabotagen

Hybride Bedrohungen verbinden das scheinbar Harmlose mit dem Gefährlichen und das Digitale mit dem Realen. Deshalb müssen Verfassungsschutz, Unternehmen, Wissenschaft, Verwaltung, Polizei und Justiz das hybride Denken als neue Grundhaltung verinnerlichen. Wer nur reagiert, wenn das Offensichtliche passiert, hat das Entscheidende oft schon verpasst. Wenn wir lernen, hybride Bedrohungen systematisch mitzudenken, werden wir früher erkennen, klüger reagieren und vorausschauender schützen. Das Ziel ist eine sichere, stabile und wehrhafte demokratische Gesellschaft.”

LfV-Präsident Bernd Neumann hatte zu Beginn die Teilnehmer zum ersten Wirtschaftsschutztag begrüßt und auf die Formulierung „Spionage ist zurück - nur anders“ aus der Einladung Bezug genommen. „Hybride Bedrohungen umfassen so viel mehr als klassische Spionage. Wir reden von Cyberangriffen, wir reden von Sabotage, wir reden von Desinformationskampagnen, von Anschlägen auf kritische Infrastrukturen wie Energieversorgung oder Bahnstrecken. Es geht um das Zusammenspiel unterschiedlicher konventioneller und nicht-konventioneller Mittel, militärischer, ziviler, digitaler und psychologischer Natur. Und dieses Zusammenspiel ist schon lange nicht mehr abstrakt, sondern Realität. Das Ziel dabei ist die gesellschaftliche Spaltung, Verunsicherung und Destabilisierung - und das alles ohne offizielle Konfrontation und unterhalb der Schwelle klassischer Kriegsführung. Letztlich werden unsere freiheitliche Gesellschaft und ihre Institutionen massiv bedroht.“

Kritische Infrastrukturen ausspähen

Der Wirtschaftsschutztag soll unter anderem dazu dienen, den Austausch zwischen Wirtschaft, Wissenschaft, Verwaltung und Sicherheitsbehörden zu fördern. Denn mit den zunehmenden hybriden Bedrohungen haben nicht nur Unternehmen zu kämpfen, sondern auch Forschungseinrichtungen und Behörden. Die ausländischen Akteure bemühen sich, an technologische Innovationen, Forschungsergebnisse und technisches Know-how zu gelangen sowie kritische Infrastrukturen auszuspähen.

Neumann erläuterte, dass das LfV als Konsequenz aus der veränderten Lage seit Sommer mit einer neuen Organisationsstruktur arbeitet. Es gibt nun eine Abteilung, die sich ausschließlich um die Themen Spionage, hybride Bedrohungen und Einflussnahmen sowie Transnationale Repression durch fremde Staaten - eine Form von politischer Unterdrückung - kümmert. „Das LfV Hessen führt regelmäßige Sensibilisierungsgespräche bei Unternehmen durch, die als potenzielle Ziele von Spionage- oder Sabotageakten gelten. Diese Gespräche haben sich 2026 im Vergleich zu 2025 nahezu verdoppelt. Im Fokus stehen aber nicht nur Rüstungsunternehmen, sondern auch Anbieter von Dienstleistungen oder Gütern, die für ausländische Staaten von Interesse sind.

Kompetenzstelle Wirtschafts-, Wissenschafts- und Behördenschutz

Wir haben auf den gestiegenen Bedarf reagiert und eine Kompetenzstelle Wirtschafts-, Wissenschafts- und Behördenschutz neu geschaffen. Die Sensibilisierung wird auf Wissenschaftler und Behörden ausgeweitet. Wir erwarten, dass durch das entstandene Vertrauen Verdachtsfälle hybrider Bedrohungen schneller gemeldet werden und somit schneller reagiert und sensibilisiert werden kann. In der Folge würden die Risiken reduziert und die hessische Sicherheitsarchitektur wäre deutlich widerstandsfähiger“, stellte der LfV-Präsident dar.

Er verwies auf verschiedene Beispiele hybrider Bedrohungen. „Das Problem ist, dass viele der Vorfälle im ersten Moment und in der ersten Bewertung als singuläres Ereignis und nicht zwingend als sicherheitsrelevant eingestuft werden. Aber wenn wir nicht lernen, sensibel zu werden für mögliche Zusammenhänge, um das mögliche Zusammenspiel von Ereignissen zu analysieren, laufen wir Gefahr, das eigentlich Relevante zu übersehen: Nämlich die Strategie dahinter. Hybride Bedrohungen sind selten sofort erkennbar, sondern sie entfalten ihre Wirkung über Zeit, über Wiederholung, über das Einpflanzen von Zweifeln. Und genau deshalb ist eine Früherkennung so entscheidend.“

Abschließend betonte der LfV-Präsident: „Es geht darum, Angst zu schüren, das Vertrauen in das Funktionieren des Staates zu erschüttern, Chaos zu stiften und die Meinungsbildung zu beeinflussen. Unser Gegner will eine gesellschaftliche Zerstörung von innen bewirken - ohne Panzer. Diese Versuche der Einflussnahme auf unser Leben in einem demokratischen Rechtsstaat wollen und dürfen wir nicht zulassen. Wir müssen uns wappnen und gemeinsam dafür sorgen, dass die Resilienz auf allen Ebenen unseres Landes gesteigert wird. Dies ist eine Aufgabe, die Politik, Wirtschaft, Sicherheitsbehörden, Wissenschaft und letztlich die gesamte Gesellschaft gemeinsam angehen müssen.“

Hintergrund

Der Wirtschaftsschutz des LfV Hessen berät hessische Unternehmen und Institutionen dabei, Risiken durch Spionage, Sabotage und Cyberangriffe frühzeitig zu erkennen und die eigene Resilienz zu erhöhen. Beim ersten Wirtschaftsschutztag sprachen neben Innenminister Poseck und LfV-Präsident Bernd Neumann Vertreter des LfV Hessen, des Landeskommandos Hessen, des Bundesnachrichtendienstes und des Hessischen Ministeriums für Wirtschaft, Energie, Verkehr, Wohnen und ländlichen Raum sowie externe Sicherheitsfachleute. Themen waren unter anderem die internationale Krisendynamik, der Operationsplan Deutschland als Teil der Gesamtverteidigung, die russische Bedrohung durch Spionage und Sabotage, physische Sicherheit, Sicherheit auf Dienstreisen und das frühzeitige Erkennen von Innentätern.